Flexible und ergänzende Kinderbetreuung. Anmerkungen zu einem aktuellen Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Online gestellt von Dr. Kathleen Fischer am 23. März, 2012

Aufgabe von Familienpolitik ist es, adäquate Rahmenbedingungen für Menschen zu schaffen, wenn sie sich für Kinder und für eine Familie entscheiden wollen. Familienpolitik muss sich am realen familiaren Leben und an den Lebensentwürfen von Frauen wie Männern orientieren.

Insbesondere muss es um die Bedarfe von Kindern gehen. Angesichts der Pluralisierung von Lebensformen gilt es auch, die Situation unterschiedlicher Familientypen zu berücksichtigen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Familienpolitik selbst ist vielfältig. Ihr zentrales Thema und scheinbar ewig währende Herausforderung ist und bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese impliziert aus der hier gewählten Perspektive die Möglichkeit, dass Erwachsene im arbeitsfähigen Alter ihren Beruf mit dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern vereinbaren können. Die Erwerbsarbeit ist gegenwärtig – so der allgemeine Konsens – der wichtigste externe Taktgeber für das Leben von Familien und beeinflusst dieses maßgeblich.  

Grundpfeiler der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist – so das hier gewählte Thema – eine  qualitativ hochwertige, bedarfsgerechte Kinderbetreuung und eine geeignete Infrastruktur. Dazu gehören u.a.:

  • Kindertagesstätten und Tagesmütter,
  • Horte und Ganztagsschulen,
  • Eltern-Kind-Zentren, Familienzentren, Mehrgenerationenhäuser  oder
  • Angebote an flexibler und ergänzender Kinderbetreuung außerhalb der Öffnungszeiten von Kita und Hort.

Solche Einrichtungen und Angebote bieten grundsätzlich eine ganze Palette an Möglichkeiten, um beide Lebenswelten in Balance zu halten.

Neuer Familienbericht der Bundesregierung nimmt veränderte Zeitstrukturen in den Blick

Im März dieses Jahres hat das Bundeskabinett den Achten Familienbericht zum Thema "Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik" beschlossen und dem Bundestag vorgelegt.
Stellungnahmen zum 8. Familienbericht unter: http://zukunftsforum-familie.de/_data/Sonder-Info_8.Familienbericht.pdf

Der Spezialbericht stellt Ergebnisse einer Analyse der zeitlichen Bedürfnisse von Familien wie Gestaltungsmöglichkeiten einer gesellschaftlichen Zeitpolitik dar und zielt darauf ab, einen Beitrag für die Etablierung eines eigenständigen Politikfeldes „Familienzeitpolitik“ zu leisten.  Diese soll an Aktivitäten der Bundesregierung anknüpfen und diese fortsetzen:

  • die Einführung des Elterngeldes,
  • der Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige oder
  • die Initiative “Familienbewusste Arbeitszeiten”.

Zeit ist für ein gelingendes Familienleben für das Miteinander und die gegenseitige Fürsorge unerlässlich. Die für Familienleben notwendigen verlässlichen und flexiblen Zeitstrukturen sind im Lebensverlauf nicht nur unterschiedlich ausgeprägt, sondern sie werden auch durch externe Institutionen und Taktgeber bestimmt.

Gründe für die Etablierung eines neuen Politikfeldes

Eine wesentliche Ursache für die Notwendigkeit der Etablierung eine neuen Politikfeldes „Familienzeitpolitik“ und eines veränderten gesellschaftlichen Zeitregime findet sich in den veränderten Erfordernissen des Erwerbslebens wie in der veränderten Rolle von Frauen:
 
Viele Menschen wollen (müssen) heute Familie und beruflichen Erfolg gleichermaßen in Einklang bringen. Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, aber auch die steigenden Erfordernisse an Flexibilität, Mobilität und Verfügbarkeit im Erwerbsleben machen ein weiterentwickeltes gesellschaftliches Zeitregime notwendig. Flexible zeitliche Puffer stehen an der Schnittstelle von Erwerbsarbeit und Familie nicht mehr so wie früher zur Verfügung,  die Zeitverwendung in der Erwerbsarbeit selbst unterliegt einem starken Wandel und verliert an Vorhersehbarkeit.

„Hinsichtlich der Lage und Dauer der Arbeitszeiten stellen unterschiedliche Zeittaktungen eine familienpolitische Herausforderung dar. Arbeitszeit wurde in den letzten Jahren weiter flexibilisiert. Inzwischen arbeiten 40% der Beschäftigten in atypischen Arbeitszeiten, wie Nacht-, Schicht- und/oder Wochenendarbeit, die gesundheitliche Belastungen mit sich bringen können. Überstunden, Schichtarbeit, Wochenendarbeit sind Beispiele, wie die quantitativen zeitlichen Anforderungen in einem Lebensbereich – hier in der Erwerbsarbeit – Zeitknappheit und fehlende Zeitsouveränität in anderen Lebensbereichen, etwa im Familienleben, hervorrufen können. Diese Synchronisierungsprobleme und die daraus entstehenden zeitlichen Engpässe wirken sich überall dort aus, wo ein Zeitregime herrscht, das von den anderen Lebensbereichen Anpassungsleistungen erfordert.“ Achter Familienbericht "Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik",  S. 53

Die Gründe für die veränderten zeitlichen Verhältnisse sehen die Autoren des Familienberichtes insbesondere aber auch darin, dass die klassische Hausfrauenehe mit dem Vater in der Ernährerrolle beträchtlich an Bedeutung verloren habe. Frauen verfügen heute vielfach über weniger Zeit, die sie für andere zur Verfügung stellen können bzw. seien auch nicht mehr so selbstverständlich bereit, dies zu tun.

Zeitkonflikte bedürfen gesellschaftlicher Lösungsmöglichkeiten

Obwohl sich nachweislich gesellschaftliche Zeitstrukturen gewandelt haben, wird darauf noch nicht hinreichend reagiert. In bestimmten Lebensphasen entständen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit strukturelle Zeitprobleme. Dies wirkt sich auf das Leben von Paaren aus. Insbesondere Eltern mit minderjährigen Kindern wie auch Alleinerziehende leiden unter Zeitdruck, es entstehen unterschiedlich geartete Zeitkonflikte.

Für viele Eltern mit kleineren oder auch Kindern im Schulalter ist es nicht immer leicht, im Alltag individuell geeignete Betreuungslösungen zu finden. Insbesondere für berufstätige Eltern ist es häufig eine große Herausforderung, den Anforderungen aus beiden Lebenswelten zu entsprechen. Klassischer Weise wird hier oft verwiesen auf nicht kompatible Zeitstrukturen von Arbeitszeiten, Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen und Behörden. Die Situation spitzt sich zu, wenn kurzfristig unerwartete Überstunden nötig sind, Kinder krank werden oder etwa krankheitsbedingte Ausfälle bei der Kinderbetreuung auftreten.  Zeit ist für ein  gelingendes Familienleben, für das Miteinander und die gegenseitige Fürsorge unerlässlich. Die für Familien unerlässlichen verlässlichen und flexiblen Zeitstrukturen sind im Lebensverlauf nicht nur unterschiedlich ausgeprägt, sondern sie werden auch durch externe Institutionen und Taktgeber bestimmt.

Die Konsequenzen solcher Zeitkonflikte finden sich in der eingeschränkten Lebensqualität von Familien und ihrer Mitglieder wieder. Sie haben aber auch gesamtgesellschaftliche und volkswirtschaftliche Dimensionen:

  • Kinderwünsche werden aufgeschoben oder gar nicht realisiert,
  • Karriere- und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten von Eltern – vor allem Müttern – werden eingeschränkt,
  • Erwerbspotenziale bleiben ungenutzt,
  • diskontinuierliche Erwerbsbeteiligung insbesondere von Frauen hat Folgen für das Alter und ist oft für Altersarmut verantwortlich zu machen

Ergänzende und flexible Kinderbetreuung eine Antwort auf veränderte Zeitstrukturen?

Das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Frage, eines ausreichenden, qualitativ hochwertigen und auch flexiblen Angebotes an Kinderbetreuung ist auch in Berlin hochaktuell. Der Berliner Familienbericht 2011 „Zusammenleben in Berlin“ widmete sich ausführlich der aktuellen Situation im Bereich der Kinderbetreuung und stellte noch einmal heraus, dass die Angebotssituation an Kinderbetreuung in unserer Stadt in vielerlei Hinsicht vergleichsweise positiv ist. 
Download Familienbericht Berlin 2011 unter: www.familienbeirat-berlin.de/familienbericht.html

Die Autoren des aktuellen Berliner Familienbericht 2011 stellen aber auch fest, dass „… angesichts der sich ändernden Arbeitsbedingungen der Bevölkerung und der Flexibilisierung der Arbeitszeiten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern (ist, K.F.). Das kommt Eltern und Arbeitgebern gleichermaßen zugute. Wenn aber diesen Flexibilisierungsbestrebungen kein entsprechendes Angebot an Kinderbetreuung gegenübersteht, muss dieses Engagement in Teilen ins Leere laufen“ (Zusammenleben in Berlin. Der Familienbericht 2011. Zahlen, Fakten, Chancen und Risiken, Hrsg. v. Berliner Beirat für Familienfragen, Berlin 2011, S. 27).

Wenn man an ergänzende und flexible Kinderbetreuung in unserer Stadt denkt, dann fallen einem zunächst Personen mit Berufen bei der Feuerwehr, der Polizei, im Gesundheitswesen oder Handel ein. Für Jeden augenscheinlich ist, dass etwa eine ÄrztIn oder Schwester im Krankenhaus für die PatientInnen ebenso in Notfällen zur Verfügung stehen muss wie der Feuerwehrmann, wenn es brennt, oder die Polizei im Einsatz, bei Unfällen etwa.

Berlin ist eine Stadt der Wissenschaft und der Kreativwirtschaft. In der Medien-, Kreativ- und Kulturbranche tätige Personen sind ebenso von dieser speziellen Zeitproblematik betroffen. Wenn man beispielsweise an die allein erziehende Schauspielerin denkt, die für ihre zwei kleine Mädchen mehrfach abends eine Betreuung benötigt, um in der Abendvorstellung eines bekannten Berliner Theaters auftreten zu können. Außerdem benötigt die junge Frau noch eine Kinderbetreuung, um mit ihrer kleinen Familie finanziell „über die Runden“ zu kommen: sie kellnert zusätzlich, ihr zweites berufliches Standbein. Wenngleich sie sich tagsüber und an den Wochenende viel Zeit für ihre Kinder nimmt (nehmen kann), so reichen ihr die Regelöffnungszeiten von Kita und Hort nicht aus, um adäquat am Erwerbsleben teilnehmen zu können.

Normalität ist es heute in Großstädten wie Berlin auch, dass am Samstag oder bis in die Abendstunden Einkaufsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Selbst der verkaufsoffene Sonntag gehört zum Alltag von Großstädten. Aber wer denkt dabei schon an das medizinische Personal, an VerkäuferInnen, an ErzieherInnen in den Kindergärten?

Was machen eigentlich Eltern mit solchen Berufen, wenn sie unabkömmlich sind und die Kinder aus dem Kindergarten geholt werden müssen, weil dieser schließt oder wenn sie Nachtschicht haben? Was machen Eltern mit solchen Berufen angesichts verlängerter Ladenöffnungszeiten oder Wochenendarbeitszeiten?

Der Bedarf an ergänzender und flexibler Kinderbetereuung außerhalb der Öffnungszeiten von Kita und Hort ist allgemein akzeptiert und benötigt keine weitgehenden Begründung mehr. Für die nachhaltige Realisierung von bedarfsgerechter Angeboten allerdings fehlt es an innovativen Lösungsvorschlägen und es fehlen Finanzierungsideen.

Ergänzende und flexible Kinderbetreuung außerhalb der Öffnungszeiten von Kita und Hort – ein Angebot des Netzwerkes Berliner Kinderbetreuungsprojekte

Das Netzwerk Berliner Kinderbetreuungsprojekte gibt es seit 1995. Initiator ist die SelbstHilfeInitiative Alleinerziehender, SHIA e.V., Landesverband Berlin. Das Netzwerk versteht sich als politische Interessenvertretung und als DienstleisterIn mit praktischen Unterstützungsangeboten für (Eineltern)Familien. Die Koordination des Netzwerkes obliegt SHIA e.V.
www.SHIA-berlin.de/Kinderbetreuung/Netzwerk

In den östlichen Bezirken Berlins entstanden solche Kinderbetreuungsprojekte als Dienstleistungsangebot von SelbstHilfeInitiativen und Frauenvereinen 1990. Ziel war es, insbesondere Alleinerziehende zu unterstützen, die bekanntermaßen in diesen Bezirken verstärkt vertreten waren und die Probleme mit der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie wegen starrer Öffnungszeiten von Kita bzw. Horten hatten. Im Jahre 1995 dann schlossen sich diese gemeinnützigen Träger zum „Netzwerk Berliner Kinderbetreuungsprojekte“ zusammen.

Für Alleinerziehende ist das Dienstleistungsanbot an ergänzender und flexibler Kin-derbetreuung nach wie vor wichtig. Kinderbetreuung ist Voraussetzung für eines: Viele Alleinerziehende können so am Erwerbsleben und auch am sozialen Leben in Berlin teilnehmen. Betreuung in den frühen Morgenstunden, am Nachmittag, abends und nachts. Die MitarbeiterInnen aus den Projekten des Netzwerkes stehen zur Verfügung, um VerkäuferInnen, Krankenschwestern, ÄrztInnen, die Webdesignerin, die DoktorantIn zu unterstützen.

In der Historie des Netzwerkes variierte die Anzahl der Träger. Ursache hierfür sind vor allem die wechselnden Förderbedingungen: In den letzten 15 Jahren mussten Träger wie SEHstern e.V. (Projekt Kinderpension „Kleine Vagabunden“) aufgeben und konnten das Angebot nicht mehr unterbreiten. Andere können das Angebot nur unstet oder unter ungünstigen Arbeitsbedingungen anbieten.

Gegenwärtig ist das Netzwerk damit konfrontiert, dass Kinderbetreuungsangebote von vier der acht Träger nicht unterbreitet werden können. In einem offenen Brief hat sich das Netzwerk deshalb an Berliner Akteure gewandt.

Ausblick

Die Auseinandersetzung der Familienpolitik mit dem Thema Zeit ist begrüßenswert. In der Familienberichterstattung spielen ergänzende und flexible Kinderbetreuungszeiten neben der Verbesserung der Ferienbetreuung sowie der Betreuung in Notfällen immer wieder eine Rolle. Es bleibt abzuwarten, wie sich die aktuellen Erkenntnisse innovativ in einer lokalen Zeitpolitik umsetzen lassen und sich Angebote gewinnbringend für Familien entwickeln und umsetzen lassen.

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